ROLAND BODEN
BIBLIOGRAFIE

Peter Lang

Bunker, der Königswalzer oder die conditio humana

"Noch eine Frage möchte ich aufwerfen, warum überhaupt Ruinen so viel mehr die menschliche Seele ergreifen, als es kaum die höchsten vollendeten architektonischen Kunstwerke vermögen? Es scheint fast, als ob diese Menschenwerke erst ihre Vollkommenheit erreichten, wenn die Natur sie wieder korrigiert hat - und noch ist es gut, wenn zum Schluss der Mensch nochmals eingreift, in den Zeitpunkt, wo die Natur anfängt, seine Spur gänzlich zu verwischen. Eine grandiose und guterhaltene Ruine ist darum das schönste Gebäude". (1) Heute würde ein Eingreifen des Menschen am Schluß des Hinübergleitens eines Gebäudes zum Zustand einer Ruine, dieser romantischen Idee der Bewahrung von Erinnerung an verflossene Zeiten, nichts mehr an ästhetischen Gewinn hinzufügen. Der heiße Totalabriß, folgende Versteppung und natürliche Wiederaufforstung wären für die meisten zersiedelten Flächen der Industrienationen die auch ästhetisch anspruchsvollste Lösung.

"Und der Satan stand wider Israel und reizte David, daß er Israel zählen ließe". (2)

Diese gefährliche Andeutung und Mahnung verhinderte nicht die Erfindung der doppelten Buchführung und steht heute der Tendenz der non-residential fonds, jenes vagabundierenden Überschußkapitals, welches ganze Volkshaushalte bedroht, recht antiquiert gegenüber.

Wer heute noch zählen will, sieht sich der Aufgabe gegenüber zu quantifizieren und abzuschätzen, also eher zu roulettieren, was der Auffassung zeitgenössischer Manager entgegenkommt, da die Aufzählung der Details zu einer endlosen unüberschaubaren und somit auch nicht handhabbaren Anhäufung führen würde. Kein Ende in Sicht, der Anfang gilt verloren. Doch die elektronische Registrierkasse, das einzige wirklich existierende funktionale weltweite Netz, flutet 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr ihre Daten durch die Kanäle. Das jetzige Netz der Netze "The Internet", so nur eine romantische Vorstufe allgemeiner Disponibilität und der Abrechenbarkeit einer weltweiten Konsumtion via Sattelit und Breitbandkabel für jene Auswahlgröße menschlicher Population, die sich dazu per Computer und Kapital in der Lage befindet. Leider hört man wenig über den Begriff Netz in seiner jagdmännischen Bedeutung als Raster, welches gefangen hält, einschnürt und zum Schluß vielleicht Erstickungsanfälle auslöst.

Positiv gesehen kann ich nun mit Eskimos und Feuerländern via Internet kommunizieren, es fragt sich nur, was man sich aufgrund der kulturellen Differenzen zu sagen hätte. Via Regia und Via Imperia, Macht, Ohnmacht, Austausch und Ausgeschlossensein begegnen sich am Rande der elektronischen Straßen. Der bewußte Mangel an Selbstinszenierung, das geradezu ruppige Versagen einer freundlichen Mitteilsamkeit, so wir annehmen, diese rekrutiert sich nicht allein aus der sächsischen Maulfaulheit,  läßt bei den Arbeiten Roland Bodens in diesem Sinne wohl auf einen höheren Kunstkoeffizienten (Duchamp) schließen.

"Der Zug zum Wachstum ins Grenzenlose, der jeder Art Menge, Haufen oder Horde eigen ist, scheint das Bindeglied zwischen Währungs- und Bevölkerungsinflation darzustellen." (3)

Roland Boden antizipiert aus dieser Tatsache schlußfolgernd eine bedrohliche Flutsituation und schließt daraus folgerichtig auf einen zukünftigen Bedarf der europäischen Bevölkerung oder weiter gegriffen, jener der Industriestaaten, sich zu verbunkern. "Der alphabetische Mensch neigt dazu, den Raum einzuschränken und zu umschließen und die Funktionen zu trennen, während der primitive Stammesangehörige seine Körperformen bereitwillig bis zur Einbeziehung der ganzen Welt ausgedehnt hatte. So handelte er als Organ des Kosmos und sah daher seine Körperfunktionen als Formen der Mitwirkung im Walten der göttlichen Kräfte an." (3) Statische, auf lokalen Reichtumssituationen beruhende Gesellschaften müssen ihre Stellungen ausbauen. 

Architekturmodelle, Pläne, ästhetische Skizzen und computergenerierte Simulationen liefert hierfür der virtuelle Bauingeneur. Welcher sich im Falle Roland Bodens sogar auf ein reales Studium dieser Materie berufen könnte. Das von Dan Graham aufgestellte Glasmodul zur Architektur, seine verschrobenen Ideen einer offenen Architektur in einer fiktiven Landschaft, wirkt dagegen, obwohl vor kurzem erst den Neubau der Leipziger Messe als künstlerisches Beiwerk zugesellt, antiquiert und mit der Muffigkeit des Besserwisserischen versehen. Verwandschaft zu den Modulen Roland Bodens deutet sich in diesem Zusammenhang mit den von Martin Kippenberger entworfenen und nun willkürlich durch Kuratoren plazierten fiktiven Subway-Zugängen an. Der letzte Weg nicht über den Styx, sondern in die Mausoleen weltweiter Subway-Verbindung. Imaginäre Fluchtwege und Verbindungen der industriellen Hochkulturen, die natürlich im Ernstfall geflutet oder gesprengt werden würden, wie wir der Geschichte bzw. Nostradamus entnehmen können.

Ein vollkommen virtueller Festungsbau wäre dank wohlfeiler Computertechnik vorstellbar. Aber die Liebe zum Handwerk und eine Vorliebe für Ankerbaukästen, die wir spätestens seit dem "Mosaik", Nummer 83, in unserem plastischen Vorstellungsvermögen wieder reanimiert haben, lassen Roland Boden realplastische Modelle von ergreifender Schlichtheit und Schönheit herstellen.

"Ian Wallace: Interessieren Sie sich womöglich für die Bauindustrie? Sie verwenden Gips, Holz, Stahl - all diese Grundmaterialien, die in der Bauindustrie gebraucht werden. Spielt das überhaupt eine Rolle oder ist das vollkommen unwichtig?

Bruce Nauman: Diese Dinge stehen mir alle zur Verfügung, und ich weiß, daß es sie gibt.

Bruce Nauman: An einem bestimmten Punkt haben mich all die Dinge, die zwar nicht gänzlich unmöglich, aber höcht unwahrscheinlich waren, interessiert. Ich erlaubte mir, sie zu Ende zu verfolgen, indem ich sie in kleinerem Maßstab aufbaute.

Bob Smith: Würden Museumsbesucher beim Betreten dieser Arbeiten sich ernsthaft in Gefahr begeben? " (4)

Man sollte dies hoffen, doch wie man der Vita Roland Bodens entnehmen kann, hat er ein abgeschlosenes Hochschulstudium als deutscher Bauingenieur hinter sich gebracht. Also darf man annehmen, daß die Modelle in Originalgröße realisiert, die sich ungefähr aus den in die Fotografien implementierten Modellen ergibt, wie ein guter alter deutscher Flak-Bunker stehen bleiben würden. Nicht transportabel oder entsorgbar und bestenfalls wieder zuzuschütten, damit versunkene Plastiken oder Mahnmale, so man will, erzeugend.

(Siehe dazu auch die nach 1945 durchgeführten vergeblichen Versuche der Sprengung der beiden Flak-Bunker im Tiergarten zu Berlin.)

"Bruce Nauman: Wenn die Arbeiten in voller Größe gebaut würden, wären sie riesig." (4)

Ähnlich der Technik der alten Ankerbaukästen entwirft Boden modulare Systeme, die man sich in jedem zivilisierten Baumarkt vorstellen könnte. Beliebig ausbaubar und ergänzbar oder nur als Modell und Plan zur entsprechenden Ausführung vorliegend. Abrufbereit beim nächsten bürgerkriegsähnlichem Zustand. Und wir wissen ja spätestens seit Hans Magnus Enzensberger, daß man nicht, nur weil man auf dem Weg zum Bäcker noch nicht beschossen wird, glauben sollte, es herrsche kein Bürgerkrieg.

Genau so lustig wie die Auspolsterung jeglicher kleinbürgerlicher, proletarischer Hausanlage innen und außen durch die Ansammlung von Katalogprodukten vonstatten geht, der Bedarf nach ästhetischen Entsorgungseinheiten für den vergegenständlichten Volksreichtum schreit zum Himmel, könnte so als Variante Zwei der Moderne, die Verbunkerung der industriellen Behausungen erfolgen. Eine Mutmaßung, die durch das realisierte Desaster der funktionalen Vorstellungen über industrielle Behausungen der kapitalistischen Moderne, insbesondere des Bauhauses, jenes "Schöner Wohnen" im Doppelpack, doch wohl eher untermauert als unterminiert wird. Und die ganzen durchzuführenden Maßnahmen sind durchaus vorstellbar mit einem Ansatz einer gewissen bodenständigen Kreativität, vielleicht unter dem bewährten deutschen  Motto: SCHÖNER UNSERE BUNKER UND FESTUNGEN. Gegen diese ausgreifende Volksbewegung würden die Leistungen der Organisation Todt und die diversen militärischen Versuche der Errichtung gebremster Zeitschleifen in Form von gigantischen Bunkeranlagen, vom Westwall bis zum Atlantikwall, nur als Präludium erscheinen. Der wirkliche Volkssturm der aufgeklärten Industriegesellschaft verbunkert sich. Individuell standardisiert und durch Bausparverträge gestützt.

Bodensche Modellsimulationen lassen mit ihrer dezent hinterlegten Farbigkeit, die einen Hauch amerikanischer Moderne der 40er Jahre einziehen läßt, auf mehr hoffen. Hinter der Verbunkerungsfassade könnten genau so schöne Barsituationen wie in den Bildern Edward Hoppers auf uns als Gäste warten. Keine Festung ohne Casino, wäre eine wünschenswerte Parole. Hierin deutet sich zweifellos eine Aufwertung der schlechterdings als Notdurft zu bezeichnenden industriellen Wohnarchitektur des Zwanzigsten Jahrhunderts an.

Damit könnten selbst solche Unannehmlichkeiten wie die Gropius-Stadt  oder Berlin-Mahrzahn, ihrer erweiterten Funktion als Schutzbehausung entsprechend, ästhetisch aufgewertet werden. Bunker und Festungsbauwerke wirken genau wie Jagdflugzeuge einfach eleganter als Verkehrsflugzeuge oder zivile Bauten, bei denen man zwangsläufig in unseren demokratisierten Gesellschaften an die Hausfrau und damit an die Kittelschürze denken muß .

"Die Vorstellung des Darshan in Indien, des mystischen Erlebnisses, in großen Menschenansammlungen zugegen zu sein - ist der westlichen Vorstellung von bewußten Werten diametral entgegengesetzt" (3)

Leider ist diese Ausage McLuhans nur für die Spitze der Aufklärung geltend, denn wie wir spätestens seit dem 3. Reich wissen, schließen sich pathetische Massenversammlungen und sozial minimal Wohnungsbau, "My home is my castle" á la Bauhaus nicht aus, sondern bedingen sich geradezu. Verbunkerung in quadratischen Wohnzellen, nach dem Modulor  von Le Corbusier angelegt, stehen Massenausbrüche und sei dies in Form von Kriegen aus der industriellen verbürokratisierten Zwangsgesellschaft gegenüber. Man simuliert ein Verlassen des determinierten Netzes und kommt in seiner eigenen Disponibilität um. 

"Das angenehme Gefühl, unter vielen Menschen zu sein, ist das Gefühl der Freude am Multiplizieren von Zahlen, das den alphabetisierten Mitgliedern der westlichen Gesellschaft schon lange verdächtig erscheint." (3)

Die Frage ist nur, ab wann man als alphabetisiert gilt und ob nicht die zunehmende Welle eines neuen Analphabetismus überschwappt. Die überrollende, niederwalzende Flut nichtlinearer Informationen in allen Medien und in vollkommen unterschiedlichen Qualitäten, das Medium ist die Botschaft, steht ein kultureller Reflex junger Menschen gegenüber, der an archaisches Stammesbewußtsein gemahnt: Technoculture.

Zu denken sollte es geben, daß Bunker, Industriebrachen, Kellerräume die Lieblingsplätze der anonymen Taschenmozarte des Endsiegs sind. Die Techno-Community haßt das Licht. Wie mit einem Boschhammer werden die Festspeicher der Großhirnrinde malträtiert. Der dazu passende Baustoff des 20. Jahrhunderts ist Beton. Ruskin und Morris wurden spätestens in der auf dem Reißbrett entstandenen neuen Hauptstadt Brasiliens, Brasilia, durchs Kreuz geschlagen. Oskar Niemeyer, einer der federführenden Architekten Brasilias, mit Sympathie für kommunistische Ideen, sieht dies allerdings als vorübergehenden Mangel an. Erst in einer kommunistischen Gesellschaft würden sich dem Architekten die wahren Bauaufgaben stellen. Das wären dann wohl Zeltlager mit darüber treibenden Schäfchenwolken. Realistischer wirken dagegen schon die strategies against architecture der "Einstürzenden Neubauten".

"Zurück zur U-Bahn, zurück zum Beton" tönte schon der Punk in den achtziger Jahren. Dieses ist erreicht. Die Soundschleife des Technoklangs bügelt die Gehirne platt für den letzten Kampf. Wenn Francis Ford Coppola in Apocalypse Now  Kampfeinsätze mit der Musik Wagners und Jimmy Hendrix´ untermalte, werden die nächsten Kampfeinsätze vielleicht von der Musik DJ Bobo´s, eines Exportartikels der Alpenfestung, begleitet. Ein neues Frontmusikprogramm per Internet.

"Gleichgültigkeit dem Kosmischen gegenüber begünstigt jedoch eine starke Konzentration auf kleinste Teilgebiete und Spezialaufgaben, worin die einmalige Stärke des westlichen Menschen besteht. Denn der Spezialist ist eine Mensch, der auch nicht den kleinsten Fehler macht, während er auf den großen Trugschluß zusteuert. " (3)

"Und da knalle ich bei der Flucht rückwärts vor einem umgeschraubten T72, mit lasergestützter Infrarotkralle, gegen die Stahlplatte, Frank Stella WVZ 1435, aus der Traum der Moderne." (5)

Hitler, der sich in den letzten Tagen des Führerbunkers mit kindlicher Zuneigung und voller gespannter Aufmerksamkeit, als stände der Russe nicht schon vor der Tür und es gebe mit Freund Albert noch etwas zu bauen, die Architekturmodelle des von ihm, wie immer in angemessener Größe geplanten Museumsneubaus für seine Lieblingsstadt Linz ansieht.

Tröstlich ist am derzeit best animierten Videospiel MDK, daß Karl, der Protagonist des Spiels, eine Waffe mit unbegrenzter Munition besitzt, was ihn natürlich ohne entsprechende Wendigkeit auch nicht vor der Auslöschung bewahrt. Aber nein, daß wirklich Tröstliche ist, warte ich, der vor dem Monitor Sitzende, zulange, eine Taste zu drücken und somit das Spiel fortzusetzen, schaut sich Karl fragend nach mir um. Die Avantgarde blickt aus dem Augenwinkel auf die Nachziehenden, eine rührende Metapher zum Ausgang dieses fast ungenießbaren Jahrhunderts.

Es folgt, die Ausfahrt Lohengrins, traurig. Auch Schwäne müssen sterben.

Derweil überlegt Mercedes Benz in China eine abgespeckte A-Class Variante auf der Basis von Modultechnik einzuführen. Sozusagen mit der Luxusvolkswagenklasse in die Katastrophe. Die Gebrüder Mao, zwei junge Immobilienmultis, man beachte die kuriose Namensgleichheit mit dem großen Lehrer, basteln unterdessen in Shanghai, aus ihren 2-Zimmer-Modulen heraus operierend, am Märchen des Tellerwäschers Part Two.

In den Computerspielen ist Europa als Hort der Kultur längst untergegangen. Der einzige Fehler hierin ist der poentielle Gegner: Aliens.

(1) Fürst Pückler - Muskau: Briefe eines Verstorbenen, 45. Brief, 1828

(2) Altes Testament, 1.Chronik, 21

(3) Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle, Dresden - Basel, 1994

(4) Bruce Nauman: Interviews 1967-88, Dresden - Basel, 1996

(5) F.E.G.L.: Flaneure, Leipzig, 1997